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wenn wir Andere bloß nach dem äußern Schein, blos nach Vermuthungen oder Muthmaßungen beurtheilen. Nicht Alles, was glänzt, ist deßwegen schon Gold. Aber ebenso ist auch nicht gleich Alles schlecht, was in den Augen der Menschen schlecht zu sein scheint.

Wenn man uns sagte: ein schöner Jüngling sei ohne Oberkleid aus der Kammer eines unzüchtigen Weibes herausgegangen, was würden wir nicht sos gleich von ihm urtheilen? Und dieser Jüngling war doch der keusche ägyptische Jofeph! Wenn man uns erzählte: eine schöne und reizende Frau set freiwillig bei der Nacht in das Gemach eines geilen, trunknen Mannes gegangen: was würden wir da nicht gleich urtheilen? Und diese Frau war die fromme Judith von der Stadt Bethulien, die durch ihre Herzhaftigkeit sowohl die Stadt als auch ihre Einwohner vom Verderben gerettet hat! Wenn man uns erzählte: der Teufel hat einen Menschen mit Leib und Seele geholt: was würden wir uns von so einem Menichen denken? Und dieser war doch Christus selbst, welchen der Satan auf die Sinne des Tempels und auf einen hohen Berg getragen hat!

Ebenso irren wir auch oft, wenn wir eine Handlung beurtheilen, ehe wir alle ihre Umstände wissen. Man erzählt uns bisweilen eine Handlung, worüber wir Augen und Mund aufsperren, so verabscheuungs

würdig tommt sie uns vor. Wir erzählen diese Handlung wieder andern Leuten, und so verbreitet fich das Gerebe im ganzen Ort und in der ganzen umliegenden Gegend. Ratürlich verliert der und ter oder die und die, von denen die allgemeine Sage herumging, ihre Ehre und ihren guten Namen. Endlich erfahren wir die nähern Umstände, und da kommt die Handlung, die wir zuvor verabscheuten, ganz anders heraus. Sie war an sich selbst gut und lobenswerth. Nur die Umstände, die man dazu gelogen hat, machten sie zu einer bösen Handlung.

Wir haben daher wohl Ursache, in der Beurtheilung unsers Nächsten behutsam zu sein, damit wir ihn nicht für schlechter halten, als er wirklich ist. Der ägyptische Joseph erkannte seine Brüder sogleich, als sie zu ihm, um Getreid einzukaufen, nach Aegypten tamen; aber sie erkannten ihn nicht. Als sie von Aegypten wieder nach Hause reisten, ließ er dem jüngsten Bruder einen silbernen Becher heimlich in den Getreitsad steđen und schicte ihnen sodann einen Boten nach, um sie des Diebstahls zu beschuldigen. Man durchsuchte sie und fand den Becher wirklich im Sad des Benjamin. Wie überhäuften sie ihn mit Vorwürfen und nannten ihn einen Dieb, und hielten ihn also für weit schlechter als er wirklich war, denn er war ganz unschuldig.

o wie leicht kann man sich in seinem Urtheil

und in seinem Argwohn täuschen! Und wie viel Unheil hat der Argwohn schon gestiftet, und wie oft aus einer Mücke einen Elephanten gemacht! Im Ehestand ist der Argwohn vorzüglich unheilbringend. Er bewirkt gerade das Gegentheil von dem, was unser Herr bewirkt hat. Der Heiland machte Blinde sebend; aber der Argwohn macht Sehende blind. Der Heiland gab den Tauben das Gehör und den Stummen die Sprache; der Argwohn aber nimmt beides, Gehör und Sprache. Die Geschichte der heiligen Fba ist euch, meine Christen! vielleicht schon betannt. Als ihr ein Rabe den Brautring entwenIete, und der Stallmeister ihn fand, faßte ihr Gatte einen so großen Argwohn, daß er den Stallmeister törten, und seine Gattin von der Höhe eines Felsens herunterstürzen ließ. Und doch sind beide unschuldig gewesen.

Seht nun, meine Christen! wie leicht man sich oft in seinem Argwohn betrügt und dadurch das schredlichste Unheil anstiftet. Wir haben daher gewiß Ursache genug, in ter Beurtheilung andrer Menschen behutsam zu sein und sie nicht gleich für schlechter zu halten, als sie wirklich sind. Johannes ter Täufer gibt uns im heutigen Evangelium ein sehr schönes nachahmungswürdiges Beispiel, daß man sich nicht für besser halten soll, als man ist, und Andere auch nicht für schlechter als sie sind. Amen.

Frühlehre auf den vierten Sonntag im Advent. Beten, Fasten, Almosengeben.

„Bereitet den Weg des Herrn.“

Luc. 3, 4.

Der Weihnachtstag rüdt immer näher heran und steht gleichsam vor der Thür. Heute ist der erste Sonntag vor Weihnachten und der legte Sonntag im Advent. Dieser Sonntag bringt es ohnehin schon mit sich, daß ich euch, meine Christen! mit Johannes dem Täufer im heutigen Evangelium zurufe: „Bereitet den Weg des Herrn !" Denn die Adventzeit ist eine Zeit, wo wir uns durch gute Werke vorbereiten sollen auf die Ankunft der gnadenreichen Geburt unseres Herrn und Heilands Jesu Christi.

Gute Werke gibt es nach der h. Schrift vorzüglich dreierlei, nämlich: Beten, Fasten, Almosengeben. Denn so sprach der Erzengel Raphael zum alten Tobias: Gut ist das Gebet, wenn es mit Fasten und Almosengeben vereinigt ist." Und der h. Kirchenvater Augustin sagt: „Ein Vogel kann nicht fliegen ohne Flügel. Damit aber unser Gebet zu Gott aufsteigen und gleichsam in den Himmel hinauffliegen kann, soll es auch zwei Flügel haben; und diese zwei Flügel des Gebets sind das Fasten und Almosengeben.“ Von diesen drei guten Werken, nämlich: vom Beten, Fasten, Almosengeben handelt nun mein heutiger Vortrag. Hört mich !

1.

Das erste von den drei vorzüglichsten guten Werken ist also das Beten. Beten heißt, was Ale wissen, aber die Wenigsten zu Herzen nehmen, beten heißt: seine Gedanken zu Gott erheben oder aus dem Herzen mit Gott reden. Wer blos viele schöne Worte ausspricht, ohne an Gott zu denken, der betet nicht, er spricht nur leere Worte aus. Hingegen kann man beten, gut und andächtig beten, ohne ein Wort auszusprechen, ohne den Mund zu bewegen. Ja, das stille Gebet, das Gebet aus dem Herzen, ist das beste Gebet. Jede stille und laute Lob Gottes, jede Danksagung oder Bitte, jeder fromme Ausblick zum Himmel, jeder reumüthige Seufzer, jede Ergebung in den Willen Gottes, jede gute Meinung ist ein Gebet und macht Alles, was wir thun und leiden, zum Gebet. Auf diese Weise fönnen und sollen wir, nad der Anweisung des Evangeliums, ohne Unterlaß beten, Gott beständig vor Augen und im Herzen haben. Je besser wir Gott erkennen, je mehr wir Gott lieben, desto öfter werden wir beten.

Was aber einem jedem Menschen alle Tage besonders nothwendig ist, wenn es nicht mit seiner Seele den Krebsgang nehmen soll, ist das Gebet.

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